plays - 2000/2001 - "A Victrian Night At The Theatre"

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Selbstverständlich haben wir uns in der Schule  mit Shakespeare befasst; wir haben aber auch die dramatischen Werke des 17., 18. und 20. Jahrhunderts interpretieren  müssen. Es hat Jahre gedauert, bis mir klar wurde, dass wir in dreizehn Schuljahren kein einziges Drama des 19. Jahrhunderts gelesen hatten. Überall sonst in Europa gab es ernstzunehmende Dramaturgen; in England aber war das Jahrhundert der Industriellen Revolution  literarisch gesehen das Jahrhundert der Dichter - Blake, Tennyson, Byron und Shelley - und der Schriftsteller wie Dickens. Das englische Theaternmusste bis Ende des Jahrhunderts auf solche Größen wie Oscar Wilde
 warten.

Sollte das denn heißen, dass eine Nation passionierter Theaterbesucher sogar zu Shakespeares Zeiten waren es nicht allein die Reichen, die ins Theater gingen - frustriert daheim bleiben musste? Meine Recherchen ergaben, dass meine viktorianischen Vorfahren wohl ins Theater gingen, dass allerdings die modernen Stückeschreiber, deren Werke während der Regentschaft der humorlosen britischen Königin Victoria uraufgeführt wurden, nicht zu den Überragenden ihrer Zunft gehörten. Wer kennt heute noch solche Namen wie Leopold Lewis, C.H. Hazlewood und
Joseph Stirling Coyne?  Sogar  solche literarischen Persönlichkeiten wie Charles Reade und Edward  Bulwer-Lytton sind nur noch für die Romane, die sie schrieben, bekannt - kaum aber  noch für ihre Theaterstücke!
 

Während ich nach einem Thema für ein neues Theaterstück suchte, wurde ich neugierig: Wie waren diese Theaterstücke - Komödien und Melodramen - des letzten Jahrhunderts, die mir allesamt unbekannt waren? Lediglich
ein Titel war mir in Erinnerung geblieben: Maria Marten, or The Murder in the Red Barn‘. Dieses Stück, der Reißer des 19. Jahrhunderts, beruhte auf einer wahren Begebenheit, auf einem tatsächlichen Mordfall, der die damalige Gesellschaft zutiefst schockierte. Maria Marten, eine junge Frau aus guter Familie, verliebte sich in einen reichen Mann, der zwar bereit war, mit ihr zusammen zu leben, nicht aber sie zu ehelichen. Nach einigen Jahren, als Maria schon zwei  Kinder zur Welt gebracht hatte, hatte ihr Geliebter die Möglichkeit, eine vermögende Frau  zu heiraten. Der Bösewicht sah nur einen Ausweg aus einer Beziehung, die ihm zur Falle geworden war: Er lockte Maria in eine entlegene Scheune und schlug ihr mit einer Axt den Schädel ein. Die Leiche wurde entdeckt, der  geflohene Mörder verhaftet und hingerichtet. Diese sehr bekannte Geschichte gab mir die Idee für das Melodram "Foul Murder and Sweet Revenge", das heute Abend in unserem Programm steht.

Es gelang mir nicht, den Maria-Marten-Text, wohl aber die Texte anderer Theaterstücke des Viktorianischen Zeitalters ausfindig zu machen, und ich stellte zu meinem Erstaunen fest, dass das damalige Theater, gut organisiert und  technisch weit fortgeschritten, wie es war, Abend für Abend unzählige Menschen in seinen Bann zog. Die Theaterstücke gehörten zwar nicht zur großen Literatur, sie waren aber längst nicht so schlecht wie ihr Ruf und enthielten Rollen, die von Theatergrößen wie Sir Henry Irving und Dame Ellen Terry, deren Foto auf dem Plakat von Herrn Bertlings zauberhafter Shakespeare-Aufführung  "Wie es Euch gefällt" zu sehen ist, mit Bravour gespielt wurden. Die Dramen waren halt dramatisch, die Komödien witzig  -  was wollte der etwas anspruchslos gewordene Theaterbesucher mehr? Es gab ja Aufführungen der großen Werke der letzen drei Jahrhunderte genug;  manchmal wollten die Massen - dank der Industriellen Revolution war die Bevölkerung explosionsartig gewachsen -nur einfach unterhalten werden. In dieser Hinsicht besteht eine unübersehbare Verbindung  zwischen dem Theaterpublikum des 19. und dem Fernsehpublikum  des 20. Jahrhunderts! Im Vergleich zu den Theatern der früheren Jahrhunderten hatte man im Viktorianischen Zeitalter bessere technischen Möglichkeiten die heutzutage so beliebten "Special Effekts" zu erzielen:  Am Anfang dieses Zeitalters bestand die Beleuchtung aus Kerzen und Öllampen, am Ende des Jahrhunderts gab es schon elektrisches Licht, das auch den Gebrauch von farbigen Strahlern (kein Gespenst ohne grünes Licht!) ermöglichte. Die Kulissen, deren Herstellung  außerordentlich Arbeitsintensiv war, wurden immer komplizierter, die Kostüme kunstvoller und üppiger, und Musik und Tanz durften nicht einmal beim Melodram fehlen.

Die Tatsache, dass das Theater immer mehr zu einem Ort der Unterhaltung wurde, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rollen in den neuen Theaterstücken in den meisten Fällen Stereo-
typen waren, die stereotyp gespielt werden mussten, weil  die Zuschauer mit einem Mörder nicht Mitleid haben oder über eine Komödie nachdenken durften oder gar wollten. Ohne dass jemand es vor 100 Jahren so deutlich wahrnahm, war das Zeitalter der Massenunterhaltung angebrochen, und das Theater wurde sozusagen das erste der  Massenmedien.  Die Schauspieler und Schauspielerinnen gingen nicht mehr einem Beruf nach, der die Verachtung anständiger Menschen verdiente,  sondern sie wurden die neuen "Unterhaltungs-Stars" ihrer Zeit. Die Melodramen
mit ihrem seicht erscheinenden Inhalt, der nicht selten doch die gesellschaftlichen und psychischen  Probleme der Zeit widerspiegelte, sind der Boden, auf dem die heutigen Fernsehserien gewachsen sind.