plays - 1996/1997 - "The Life and Death of Martha Black"

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Im Englischbuch der 9. Klasse lesen wir die Geschichte von Henry and Susannah, zwei jungen Menschen, die sich am Ende des 18. Jahrhunderts im Gefängnis von Norwich kennen und lieben lernen, bevor sie als Strafe für Verbrechen, die sie aus Not begangen haben, in die Verbannung nach Australien geschickt werden. Dieses Schicksal galt als so schrecklich, dass viele Strafgefangene sich umbrachten, um nicht in einem Lager am Ende der Welt leiden und möglicherweise sterben zu müssen.

Die Idee für dieses Theaterstück 'überfiel' mich aber nicht bei der Lektüre dieser Geschichte, sondern  als  ich  in  den  kalten Dezembertagen des Jahres 1995 'Great Expectations' von Dickens las. Vom Autor wissen wir, dass er eine Zeitlang mit seinen Eltern und Geschwistern im Gefängnis leben musste, weil sein Vater seine Schulden nicht begleichen konnte. Diese Erfahrung prägte sein Leben und sein künstlerisches Schaffen. Plötzlich  und unaufgefordert erschien eines Abends Martha Black vor meinem inneren Auge, und ihre Geschichte war mir  so  vertraut,  als hätte ich sie irgendwo gelesen. Martha war im Kerker im berüchtigten Londoner Gefängnis Newgate; ein  Name,  der  auch hartgesottene  Verbrecher  erschaudern ließ. Im England des frühen 19. Jahrhunderts - das Stück spielt im Jahre 1825 - wurde ein Mensch gehängt, nur weil er einen Laib Brot gestohlen hatte, ungeachtet der Tatsache, dass er damit den Hunger seiner Kinder hatte stillen wollen.

Aber Martha Black hatte einen Mann umgebracht! 

Das Leben der Fabrikarbeiter in den frühen Jahren der Industriellen Revolution war hart - auch Kinder ab drei Jahren mussten bis zu acht Stunden am Tag sieben Tage in der Woche schuften. Marthas kleine Tochter versuchte einem grausamen Aufseher zu entkommen und fiel in eine Maschine, die sie zerriss - ein alltägliches Ereignis in der damaligen Zeit. Martha rächte ihre Tochter, indem sie den Aufseher erschlug. Das Stück beginnt damit, dass ihr Todesurteil verkündet wird. Nach und nach stellten sich die anderen Personen in diesem Drama mir vor - Sally, die gutmütige Hure, die sich vom Wärter (turnkey) Pike einiges gefallen lassen muss, um bessere Rationen für ihre Mitgefangenen zu bekommen; Kate und die ewig hungrige, Alice,  die Taschendiebinnen; Jane, die ungeduldig auf ihren Prozess wartet - die durchschnittliche Prozessdauer betrug 5 Minuten - und Daisy, die wegen des Diebstahls einiger Äpfel im Gefängnis sitzt und Pike für sich zu gewinnen versucht. Wer einen Wärter bestechen konnte - und wenn auch nur mit ihrem Körper - konnte den Winter in Newgate überleben.

Zwei neue Frauenschicksale kamen noch hinzu: Agnes, die verführte Gouvernante, die Geld stahl und auf ihre Verbannung nach Australien wartet, und die wahnsinnige Meg, die ihr Kind tötete, um ihm den langsamen Hungertod zu ersparen. Somit waren gewisse Konflikte, aber auch humorvolle Situationen in dem so hoffnungslos erscheinenden Gefängnisleben, gegeben. Einige Besucher, die nichts mit der Welt des Verbrechens zu tun haben, sind anzutreffen: die arrogante Mutter und ihre verwöhnten Kinder, die mit ihren guten Taten prahlen wollen, die aber mit ihrem eigenen Dienstmädchen nicht christlich umzugehen vermögen; der verständnislose Priester, dessen Beistand Martha ablehnt; Ralph Wentworth, Agnes Liebhaber, der sie vor der Verbannung bewahren möchte. Die einzige Person in diesem Theaterstück, die tatsächlich gelebt hat, ist Elizabeth Fry, eine wohlhabende Quakerin, die vieles tat, um den verwahrlosten Frauen von Newgate ein wenig Selbstbewusstsein zu geben. Die Quaker waren die einzige religiöse Gemeinschaft, die sich mit armen und verzweifelten Menschen beschäftigten, und Mrs Fry wurde von den Newgate Frauen verehrt.

Martha und ihre Mitgefangenen geben ein Bild der Gesellschaft in den ersten Jahren des letzten Jahrhunderts wieder. Bittere Armut und Gewaltverbrechen beherrschten die Straßen, die Gefängnisse waren überfüllt, Hinrichtungen waren an der Tagesordnung. Während England noch Kolonien in Nordamerika besaß, wurden Verbrecher dorthin verbannt, um auf den Plantagen, auf denen später afrikanische Sklaven schufteten, zu arbeiten. Das Leben der Verbannten war genauso hart, und sie wurden genauso grausam behandelt wie die späteren Sklaven. Nach dem Verlust dieser Kolonien suchte England nach einer anderen Möglichkeit, das Problem der übermäßig vielen Strafgefangenen zu lösen, und stieß dabei auf Australien, das sehr geeignet schien, diesen 'Abschaum der Menschheit' aufzunehmen. Auf dem Transport von London zur englischen Küste starben schon viele Gefangene; die lange Seereise nach Australien überlebte manchmal nur noch die Hälfte. Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in der Strafkolonie sorgten dafür, dass nur die Stärksten durchkamen. Als die gefährlichsten Strafgefangenen galten solche, die in London und anderen Hafenstädten auf den sogenannten 'Hulks' inhaftiert waren - ausgedienten Kriegsschiffen, die im Hafen verankert waren und auf denen etwa 70% der Strafgefangenen aufgrund von Krankheit (Typhus, Cholera) und Gewaltverbrechen nicht überlebten.

Ich habe lange und intensiv recherchiert, um dieses Stück schreiben zu können. Viele Bücher haben mir in meinen Recherchen allerdings sehr geholfen, vor allem 'London Labour and the London Poor', das Standardwerk des 19. Jahrhunderts über die Armut in dieser Stadt, und 'A Just Measure of Pain' vom kanadischen Autor Michael Ignatieff,  das Standardwerk dieses Jahrhunderts zum Thema: Gefängnisse in England während der Industriellen Revolution. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gewann der Strafvollzug in britischen Gefängnissen immer mehr an Bedeutung, und die Anzahl der Todesurteile nahm stark ab. Die Deportation als Strafmaßnahme wurde erst im Jahre 1867 abgeschafft. Das letzte Todesurteil in Großbritannien wurde 1964 vollstreckt.

Wer sich für dieses Thema weiterhin interessiert, dem sei das Buch 'Abby Lynn' von Rainer M. Schröder empfohlen.

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Zur Situation der Understudies im Schuljahr 96/97

Eine verließ die Schule, drei verließen den Kurs, sieben kamen dazu - macht insgesamt vierzehn, plus zwei aus der Mittelstufe. Sechzehn also, fünf mehr als im letzten Schuljahr!

Der Kampf um 'Kursrechte' musste wieder ausgefochten werden, dennoch spielen drei unserer Schauspielerinnen zum dritten Mal mit, und wir hoffen auf Zuwachs aus den kommenden Oberstufenjahrgängen. Jeder, der sich für diesen Kurs - oder, in der Jahrgangsstufe 11 für diese AG - meldet, weiß, dass er eine Rolle spielen muss - wenn auch nur eine kleine. Jeder ist schließlich in einem gewissen Maße schauspielerisch begabt, keiner ist dabei, der noch nie ein Wort Englisch gelernt hat, also kann und muss jeder mitspielen. Es ist schon ein bildendes Erlebnis, auf der Bühne in der Alten Aula zu stehen und in englischer Sprache ein Stück zu spielen. Die Zusammenarbeit in der Gruppe hat viel Freude gemacht, denn sie erschien mir außerordentlich harmonisch zu sein, obwohl sie nicht ganz einfach war. Es ist schon eine Leistung, vor Publikum eine Rolle in einer Fremdsprache zu sprechen! 

Wir hoffen sehr, dass wir unsere Arbeit im nächsten Schuljahr fortsetzen können